Halloween hat keine Geburtsurkunde

KI-Transparenz: Bei der Erstellung dieses Beitrags wurde generative KI unterstützend eingesetzt. Die veröffentlichte Fassung wurde von der BAZURU-Redaktion inhaltlich geprüft. Quellen und zentrale Tatsachenbehauptungen werden nach unserem redaktionellen Verfahren kontrolliert. BAZURU trägt die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung.

Wie ein Fest immer wieder neu zusammengesetzt wurde und welche Rolle Kürbisse bei seiner Verbreitung in der Schweiz spielten

Ende Oktober 1998 fragte der Tages-Anzeiger, ob Halloween der nächste grosse Trend oder bloss ein Marketingtrick sei. Der Titel klang skeptisch: In der Schweiz werde Halloween «nicht richtig gefeiert».[1]

Zwei Jahre später sah die Sache anders aus. In Zürich zog ein «European Halloween» nach zeitgenössischen Angaben rund 15’000 Menschen an. Coop verteilte zugleich ein von Jucker entwickeltes Halloween-Erlebnispaket über seine Filialen.[1]

Wie kam es dazu?

Die naheliegende Geschichte klingt simpel: Ein amerikanisches Fest kommt nach Europa, Werbung und Detailhandel greifen es auf, plötzlich stehen überall Kürbisse. Tatsächlich verlief die Entwicklung weniger geradlinig. Öffentliche Halloween-Partys sind schon Jahre vor dem grossen Einstieg des Detailhandels dokumentiert. Kinder, Clubpublikum und Bauern griffen unterschiedliche Teile des Festes auf. Als die grossen Spezialsortimente später wieder schrumpften, blieb Halloween in lokalen und behördlichen Quellen sichtbar.[2][3][4][5][6]

Auch beim Ursprung gibt es keine klare Startlinie. Halloween lässt sich historisch nicht auf ein einziges altes Fest zurückführen. Seine heutige Form entstand aus mehreren Traditionen, die über Jahrhunderte aufeinandertrafen und sich veränderten.

1. Was wir über Samhain tatsächlich wissen

Die populäre Kurzfassung lautet: Vor rund 2000 Jahren feierten die Kelten an Samhain Neujahr und Totenfest, daraus wurde später Halloween. Die frühen Quellen stützen diese Gewissheit jedoch kaum.

Samhain ist als gälisches saisonales Fest belegt. Ronald Hutton zeigt, dass die Vorstellung eines «keltischen Neujahrs» vor allem auf indirekten und spekulativen Belegen beruht. Für ein grosses jährliches Totenfest ist die Grundlage noch schwächer. Das schliesst solche Bezüge nicht aus. Die frühen Quellen reichen aber nicht aus, um die heute verbreitete Deutung als gesichert darzustellen.[7][8]

Nicholas Rogers setzt an einem anderen Punkt an. Halloween wird oft als heidnisches Fest beschrieben, obwohl bereits sein Name aus dem christlichen Kalender stammt. Samhain mag zur saisonalen und übernatürlichen Vorgeschichte gehören, erklärt die späteren Rituale aber nicht allein.[9]

Hutton zeigt ausserdem, wie sich die Vorstellung eines klar umrissenen keltischen Neujahrs und eines grossen jährlichen Totenfestes erst durch neuzeitliche gelehrte Rekonstruktionen verfestigte. Samhain kann Bezüge zu Toten oder Jahresübergängen gehabt haben. Belegt ist damit nicht die moderne Formel, die beides als gesicherte Einheit behandelt. Diese Ebenen sollten historisch getrennt werden.[7]

2. Der unterschätzte christliche Teil

Schon der Name führt in die christliche Schicht der Geschichte. «Halloween» kommt von All Hallows‘ Eve oder All Hallows‘ Even, dem Abend vor Allerheiligen. Zusammen mit Allerseelen entstand im christlichen Kalender eine Zeit des Gedenkens an Heilige und Verstorbene.[9]

Rogers ordnet viele spätere Halloween-Rituale in dieses Umfeld von Allerheiligen und Allerseelen ein. Seine Chronologie widerspricht der beliebten Vorstellung, der 1. November sei einfach gewählt worden, um Samhain zu christianisieren. In Irland lag die Heiligenfeier zeitweise an einem anderen Termin; die Novembertradition setzte sich auch ausserhalb der gälischen Welt durch. Ein gezieltes kirchliches Programm gegen Samhain ist damit nicht belegt.[9]

Auch Souling und Guising gehören zu dieser Vorgeschichte. Menschen sangen, baten um Gaben, verkleideten sich oder zogen von Haus zu Haus. Solche Bräuche liefern wichtige Vergleichslinien. Aus ihnen lässt sich aber keine direkte, lückenlose Abstammung des heutigen Trick-or-Treat ableiten, denn zwischen den Formen liegen Jahrhunderte gesellschaftlicher Veränderung.[9]

3. Wie Nordamerika Halloween neu formte

In Nordamerika nahm Halloween seine moderne Form an. Irische und schottische Einwanderer brachten verschiedene Herbstbräuche mit, aber kein fertiges Halloween-Paket. Rogers zeigt, dass das Fest dort erst im 19. Jahrhundert festeren Boden gewann. Almanache des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts behandeln Halloween noch keineswegs als selbstverständlichen Feiertag.[9]

Im frühen 20. Jahrhundert organisierten Gemeinden Halloween zunehmend als Kinder- und Nachbarschaftsfest. Ein Motiv war, Streiche und Sachbeschädigungen in kontrolliertere Bahnen zu lenken. Auch die heute bekannte Tür-zu-Tür-Praxis entstand schrittweise.[9]

Kostümierte Halloween-Hausbesuche sind in Vancouver bereits für 1898 dokumentiert. Varianten der späteren Forderung, darunter «tricks or treats», erscheinen 1917 in Ontario. Die heute vertraute Wortfolge «trick or treat» ist für 1927 in Blackie, Alberta, belegt.[10]

Die Daten machen den langen Umbau sichtbar. Hausbesuche, der genaue Wortlaut und die spätere gesellschaftliche Normalisierung entstanden nicht gleichzeitig. In den folgenden Jahrzehnten wurde Halloween immer stärker zum Kinder- und Nachbarschaftsritual. Nach dem Zweiten Weltkrieg passte es gut in die suburbanen Wohnformen Nordamerikas. Süsswarenhersteller, Kostümindustrie, Film und Fernsehen beschleunigten diese Entwicklung, ohne sie allein hervorgebracht zu haben.[9]

Der orange Kürbis wirkt heute wie ein uralter Kern des Festes. Die irische Überlieferung sieht anders aus. 1943 erhielt das National Museum of Ireland eine Rübenlaterne; die Einsenderin hielt fest, dass dieser Typ in der Gegend um Fintown um 1900 üblich gewesen sei. Das Museum bezeichnet den heute dominanten Kürbis ausdrücklich als amerikanische Weiterentwicklung dieser Tradition.[11]

In Nordamerika änderte sich damit auch das verwendete Material. Ein vorhandener Brauch wurde mit einem anderen Gewächs weitergeführt. Dass heute fast automatisch ein Kürbis vor dem inneren Auge erscheint, belegt deshalb nicht, dass dieses Symbol schon immer zu Halloween gehörte.[11]

4. Schweiz, 1993: der früheste in dieser Recherche nachgewiesene öffentliche Veranstaltungsbeleg

Ein genaues Jahr, in dem Halloween in die Schweiz «kam», lässt sich nicht belegen. Der früheste in dieser Recherche nachgewiesene aussagekräftige Beleg für öffentlich beworbene Halloween-Veranstaltungen stammt aus dem züritip vom 29. Oktober 1993. Die Originalausgabe ist erhalten und wurde für diese Chronologie ausgewertet.[12]

Die Ausgabe trägt Halloween auf dem Titel und widmet dem Thema die Seiten 12 und 13. Unter «Parties» stehen sechs ausdrückliche Halloween-Ankündigungen: drei in Zürich sowie je eine in Baden, Schlieren und Wettingen. Wunderlin kam 2002 rückblickend auf sieben Partys. Eine plausible Erklärung ist, dass er den separat angekündigten Anlass «Halloween and Day of the Dead» im Palais X-tra mit Maskenball und Disco mitzählte. Sicher rekonstruieren lässt sich seine damalige Zählweise nicht.[12][13]

1993 ist trotzdem kein Schweizer Geburtsjahr. Der Fund zeigt nur, dass öffentlich beworbene Halloween-Praxis spätestens damals dokumentiert ist. Frühere private Feiern oder bislang nicht gefundene regionale Veranstaltungsbelege sind möglich.[12]

Muri und Gyr datierten die ersten von ihnen identifizierten, stärker medial wahrgenommenen Partys auf 1994 und 1995. Der züritip von 1993 zeigt, dass diese Datierung keine frühestmögliche Untergrenze für die Deutschschweiz sein kann. Für die anschliessende Phase bleibt ihre Beschreibung aufschlussreich: Die Anlässe waren klein, Kostümierung noch wenig verbreitet, und 1996 berichtete der Tages-Anzeiger bereits von Halloween in «Zürcher Stuben».[1][12]

Auch in der Romandie gibt es einen frühen öffentlichen Beleg. La Spirale in Freiburg kündigte für den 4. November 1995 «Halloween, la nuit des masques» an und erklärte dem Publikum noch ausführlich, was Halloween in den USA und Kanada ist und wie man sich dazu verkleidet.[14]

5. Kam Halloween zuerst über die Romandie?

Muri und Gyr vermuteten, Halloween sei in der Westschweiz «wohl» früher aufgetreten als in der Deutschschweiz und habe sich langsam von Westen nach Osten verbreitet. Sie kennzeichneten dies selbst als Vermutung. Der Deutschschweizer Veranstaltungsbeleg von 1993 ist früher als der hier nachgewiesene Freiburger Beleg von 1995. Die für diese Recherche ausgewerteten Westschweizer Quellen decken die Jahre davor jedoch nicht vollständig ab. Daraus lässt sich kein regionaler Vorrang ableiten.[1][12][14]

Die verfügbaren Belege entscheiden die Regionalfrage nicht. Für die Deutschschweiz liegt der züritip vom 29. Oktober 1993 vor, für die Romandie die Freiburger Veranstaltung von 1995. Weder ein Vorrang der Deutschschweiz noch der Romandie ist damit bewiesen. Ebenso wenig ist eine direkte Verbreitungslinie von Frankreich über die Romandie in die Deutschschweiz nachgewiesen.[12][14]

Ein Einfluss aus Frankreich ist denkbar. Für eine konkrete Transferkette fehlen aber Belege. Sicher ist, dass der Handel 1998 in beiden Sprachregionen sichtbarer aktiv wurde. Muri und Gyr nennen Interio in der Deutschschweiz, Le Temps beschreibt grosse Verkaufsflächen in der Romandie. Die damalige europäische Vergleichsliteratur spricht ebenfalls gegen eine einzige, überall gleich verlaufende Verbreitungsgeschichte.[1][15][16]

6. 1997 bis 1999: Wie sich die Einzelteile verbanden

Im Zürcher Oberland lässt sich dieser Wandel besonders gut verfolgen. Nach der Rekonstruktion von Muri und Gyr pflanzte die Familie Jucker 1996 zunächst in kleinem Umfang Kürbisse an. Junge Kunden fragten bereits nach geeigneten Kürbissen für Halloween-Partys. 1997 wurde die Anbaufläche vergrössert, und eine Kürbisausstellung zog nach damaligen Angaben mehr als 8’000 Besucher an.[1]

1998 wuchs die Ausstellung stark. Muri und Gyr dokumentieren zugleich Halloween-Partys für Jugendliche und Erwachsene in der Umgebung sowie eine im Fernsehen gezeigte Halloween-Party an einer Schule in Küsnacht. Im selben Jahr taucht Interio bei ihnen als früher Warenhausakteur mit einem eigenen Halloween-Wohnaccessoire-Prospekt auf.[1]

Noch 1998 diskutierte die Schweizer Presse, ob Halloween überhaupt ein tragfähiger Brauch oder bloss ein Marketingthema sei. Ein Jahr später klingt die Berichterstattung bereits anders. Le Temps beschreibt einen schnell wachsenden Markt, in den die grossen Verkaufsflächen erst 1998 kräftig eingestiegen seien. Das Angebot ging nun weit über Spielwaren hinaus und umfasste etwa Blumen, Lebensmittel und Wohndekoration. Bei Migros Vaud galten Kinder ausdrücklich als wichtige Kaufinitiatoren.[15]

Am selben Tag berichtete Le Temps von maskierten Kindern, die in wachsender Zahl Halloween feierten, in Gruppen von Tür zu Tür gingen und Süssigkeiten verlangten. Der Bericht zeigt, dass 1999 neben dem Handel bereits eine sichtbare Kinderpraxis existierte. Wie verbreitet sie landesweit war, lässt sich daraus nicht ableiten.[17]

Muri und Gyr dokumentieren für denselben Zeitraum stark wachsende Kürbisausstellungen, verkaufte Schnitzsets und eine Halloween-Party mit mehreren tausend Gästen. Ein einzelner Kostümvertrieb gab an, sein Halloween-Umsatz sei 1999 zwanzigmal höher gewesen als 1998. Das ist keine Marktstatistik, vermittelt aber, welche Dynamik einzelne Anbieter damals wahrnahmen.[1]

Die Jahre 1998 und 1999 wirken in den Quellen deshalb eher wie eine Verdichtungsphase als wie ein Anfang. Medien, Handel, Veranstaltungen, Kürbiswirtschaft und Kinderpraxis werden zur gleichen Zeit deutlich sichtbar. Einen einzelnen nationalen Wendepunkt lässt sich daraus nicht ableiten.[1][15][17]

7. Wer machte Halloween gross?

Wer Halloween in der Schweiz gross machte, lässt sich keiner einzelnen Gruppe zuschreiben. In den Quellen tauchen Nachtleben und Popkultur, Kinder und Familien, Handel, Kürbisproduzenten und lokale Veranstalter als verschiedene Träger der Verbreitung auf.[1][13][2]

Auch geografisch lief die Verbreitung breiter als über Zürich, Genf oder andere Grossstädte. Muri und Gyr beschreiben kleinere Städte und Gemeinden, Discos, Vereine und andere lokale Gruppen als Teil der Brauchpraxis.[1]

Ein zeitgenössischer Bericht von Rosmarie Anzenberger zeigt dasselbe aus einer anderen Perspektive. Sie dokumentierte für 1999 unter anderem eine Halloween-Party im Kanton Uri und verwies auf Veranstaltungen in kleineren Orten wie Dottikon. Vereine und lokale Wirte traten dabei ebenfalls als Veranstalter auf.[18]

Wunderlin nennt weitere lokale Formen. Im Baselbieter Ormalingen veranstaltete der Musikverein nach seiner Darstellung seit 1997 jährlich eine Halloween-Party. Für Curio im Malcantone beschreibt er 2001 einen Anlass mit Kürbislichtern, gemeinsamem Nachtessen und Kürbisprämierung.[13]

Nachtleben, Kinderpraxis, Landwirtschaft und Handel sind jeweils belegt, aber nicht gleich gut und nicht mit einem messbaren Anteil. Die Quellen erlauben keine Rangliste darüber, welcher Kanal am meisten zur Verbreitung beitrug.

8. Warum der Kürbis in der Schweiz wichtig wurde

Die Geschichte der Familie Jucker zeigt, wie eng Kürbisproduktion, Ausstellung und Halloween-Vermarktung im Zürcher Oberland zusammenkamen. Sie zeigt nicht, dass ein einzelnes Unternehmen Halloween in die Schweiz gebracht hätte.[1][2]

Um 2000 verbanden sich Kürbisproduktion, Ausstellung, Schnitzsets, Eventorganisation und Detailhandel. Muri und Gyr beschreiben ein «European Halloween» mit nach damaligen Angaben rund 15’000 Gästen und ein von Jucker entwickeltes Halloween-Erlebnispaket, das Coop über seine Filialen verbreitete.[1]

Bei den oft zitierten historischen Kürbismengen ist Vorsicht nötig. Medienberichte nennen spektakuläre Tonnagen, die sich mit späteren offiziellen Reihen nicht sauber vergleichen lassen. Solider ist die Reihe des Bundesamts für Landwirtschaft: Im Schweizer Detailhandel stiegen die Speisekürbisverkäufe von 3’317 Tonnen im Jahr 2011 auf 4’731 Tonnen 2016. Haushalte mit Kindern kauften im Durchschnitt mehr Kürbis. Das BLW nennt Halloween als möglichen positiven Einfluss und weist zugleich auf weitere Unterschiede zwischen den Haushalten hin.[19]

Dass etwas im Laden steht, macht daraus noch keinen Brauch. Für diese Analyse zählt deshalb, ob eine Praxis wiederholt wird und für die Beteiligten erkennbar ist. Kulturwissenschaftliche Forschung versteht Tradition nicht als unveränderten Bestand, sondern als etwas, das in der Gegenwart immer wieder ausgewählt und gedeutet wird.

Einen konkreten Hinweis liefern die Kinderberichte von 1999. Sie beschreiben maskierte Kinder, die in Gruppen von Tür zu Tür gingen und Süssigkeiten verlangten. Damit ist eine sichtbare Kinderpraxis belegt, nicht ihre landesweite Verbreitung und auch nicht, was Eltern oder Haushalte im Einzelnen davon hielten.

9. Vom Boom zur Sättigung

Schon 2001 standen Wachstum und Sättigung nebeneinander. swissinfo berichtete von rund 60 Halloween-Artikeln bei Migros, während Globus nach einem Einstieg drei Jahre zuvor sein spezielles Wohn- und Dekorationssortiment bereits wieder auslaufen liess. 2007 meldete swissinfo, Migros und Coop hätten ihre Halloween-Spezialsortimente stark reduziert; ein Grosshändler beschrieb die Nachfrage als deutlich schwächer als vier oder fünf Jahre zuvor.[21][22]

Kuhn beschreibt denselben kommerziellen Zyklus. Grosspartys verloren ab etwa 2003 an Dynamik, ab 2005 zeigten sich Krisensignale, 2007 brachen Halloween-Verkäufe bei grossen Händlern ein, und 2008 führte Migros laut seiner Darstellung zeitweise keine speziellen Halloween-Artikel. Für die Jahre 2005 bis 2010 beruht seine Chronologie allerdings nur auf einer kursorischen Recherche. Sie eignet sich deshalb eher als qualitative Rekonstruktion denn als vollständige Marktzeitreihe.[2]

Verkaufszahlen, Sortimentsbreite und grosse Veranstaltungen erfassen etwas anderes als das, was Familien oder Nachbarschaften tun. Aus weniger Halloween-Ware im Detailhandel folgt nicht automatisch, dass Kürbisschnitzen oder Trick-or-Treat im gleichen Mass zurückgingen.[2]

10. Wie wichtig ist Halloween heute?

Halloween ist heute in öffentlichen und behördlichen Quellen sichtbar. Für den Kanton Zürich liegen aus mehreren Jahren Polizeibilanzen vor. Wie wichtig das Fest den Menschen persönlich ist, lässt sich daraus nicht ablesen.[3][4][5][6]

Eine 2025 veröffentlichte Marketagent-Erhebung unter 1’020 Personen zwischen 14 und 75 Jahren fragte nach der persönlichen Bedeutung verschiedener Feierlichkeiten. 3,6 Prozent bezeichneten Halloween als «sehr wichtig», 6,1 Prozent als «eher wichtig». Zusammen sind das 9,7 Prozent. Marketagent weist die quotierte und gewichtete Stichprobe als repräsentativ für die Schweizer Bevölkerung aus. In der veröffentlichten regionalen Stichprobenstruktur ist das Tessin allerdings nicht separat ausgewiesen; die Zahl sollte deshalb mit diesem Vorbehalt gelesen werden.[23]

Die Zahl misst Wichtigkeit, nicht Teilnahme. Menschen können Halloween für unwichtig halten und trotzdem mit Kindern Kürbisse schnitzen, Süssigkeiten bereithalten oder eine Party besuchen.

In den für diese Recherche ausgewerteten Quellen wurde keine nationale Langzeitreihe zur tatsächlichen Halloween-Teilnahme identifiziert. Aussagen wie «Halloween wird jedes Jahr beliebter» oder «nur zehn Prozent feiern Halloween» lassen sich daraus nicht ableiten.

11. Räbeliechtli und die Frage nach der «echten» Tradition

In der Schweiz landet die Diskussion schnell beim Räbeliechtli. Kinder ziehen im Spätherbst durch die Dunkelheit, Gemüse wird ausgehöhlt und beleuchtet. Die Ähnlichkeit ist unübersehbar. Einen gemeinsamen «keltischen Ursprung» belegt sie nicht.

Auch Räbenlichtbräuche haben sich verändert. K. W. Glaettli dokumentierte 1949 unterschiedliche lokale Formen im Zürcher Oberland. Eduard Strübin stellte 1980 fest, dass Zürich ein Kerngebiet war, der Brauch sich im 20. Jahrhundert aber weiter ausgebreitet hatte. Für seine damalige Umfrage lagen Antworten aus 130 Ortschaften und Stadtquartieren vor.[24][25]

Muri und Gyr beobachteten um 1999 bereits punktuelle Überschneidungen. Bei einem Räbeliechtliumzug erschienen einzelne Kinder mit Halloween-Kürbissen, während die grosse Mehrheit weiterhin Räben trug. Die Autoren hielten es ausdrücklich für verfrüht, daraus eine «Halloweenisierung» des Räbeliechtli abzuleiten.[1]

Die Ähnlichkeit belegt daher kein Duell zwischen «echter Schweizer Tradition» und «amerikanischem Import». Auch die Räbenlichtbräuche veränderten ihre Form und Verbreitung, während Halloween lokal angepasst wurde. Ab wann eine wiederholte Praxis als Tradition gilt, ist keine historisch messbare Schwelle.[24][25][1]

Tradition meint hier keine unveränderte Weitergabe aus einer fernen Vergangenheit. Sie bezeichnet eine soziale Praxis, die wiederholt, erkannt und in der Gegenwart gedeutet wird. Halloween ist in der Schweiz deutlich später dokumentiert als ältere christliche und regionale Herbstbräuche. Jünger bedeutet deshalb nicht automatisch «künstlich».[20]

12. Was von der Suche nach dem Ursprung bleibt

Es gibt keine einzige Ursprungslinie. Samhain, christliches Hallowtide, Guising, nordamerikanische Gemeindeformen, Trick-or-Treat sowie spätere kommerzielle und mediale Verstärkung gehören zu unterschiedlichen Zeiten und erfüllten unterschiedliche Funktionen. Auch in der Schweiz entwickelten sich Partys, Kinderpraxis, Detailhandel und Kürbiskultur nicht im Gleichschritt.[7][9][10][1][2]

Manche kommerziellen Formen verloren nach wenigen Jahren an Schwung, andere Praktiken sind weiterhin dokumentiert. Ob dies bereits als «kulturelle Verankerung» gelten soll, hängt von der Definition ab. Eine nationale Messreihe dazu gibt es in den ausgewerteten Quellen nicht.[2][21][22]

Im Kanton Zürich beschreiben Polizeibilanzen von 2021 sowie von 2023 bis 2025 wiederholt Gruppen verkleideter Kinder und Jugendlicher auf den Strassen und in den Quartieren. Für diesen regionalen Kontext ist Halloween damit als wiederkehrende öffentliche Praxis dokumentiert. Wie viele Menschen das Fest schweizweit mögen, feiern oder für wichtig halten, lässt sich daraus nicht ableiten.[3][4][5][6]

Was bleibt, ist keine Geburtsurkunde, sondern eine Chronologie mit Lücken. Einzelne Elemente erscheinen zu unterschiedlichen Zeiten, werden lokal verbunden und verändern sich wieder. Frühere Funde können dieses Bild noch verschieben.

Methodische Grenzen

Die Schweizer Frühchronologie erfasst den frühesten bisher gefundenen Veranstaltungsbeleg, nicht den tatsächlichen Anfang. Für den züritip vom 29. Oktober 1993 wurde die Originalausgabe ausgewertet. Unter «Parties» stehen sechs ausdrückliche Halloween-Partyankündigungen; auf derselben Seite wird zusätzlich der Anlass «Halloween and Day of the Dead» im Palais X-tra mit Maskenball und Disco angekündigt. Das erklärt plausibel, warum Wunderlin später von sieben Partys sprach, beweist seine Zählweise aber nicht. Der Fund von 1993 zeigt, dass Muri und Gyrs Datierung auf 1994/95 keine harte Untergrenze für öffentlich beworbene Partypraxis in der Deutschschweiz sein kann. Er beweist weder einen Schweizer Beginn im Jahr 1993 noch einen zeitlichen Vorrang der Deutschschweiz. Für die Romandie ist in dieser Recherche eine Freiburger Veranstaltung von 1995 belegt. Die ausgewerteten Westschweizer Quellen decken die Jahre davor nicht vollständig ab. Für das Tessin liegt mit Curio 2001 ein früher lokaler Beleg vor. Die Intervista-Zahlen von 2017 bleiben unberücksichtigt, weil Originalfragebogen und Methodik nicht ausreichend gesichert sind. Dasselbe gilt für historische Kürbismengen mit widersprüchlichen Messdefinitionen. Angaben zur Jucker-Geschichte stammen teilweise aus Unternehmens- und Interviewmaterial; Kuhn übernimmt für die frühe Schweizer Diffusionsgeschichte wesentliche Befunde von Muri und Gyr und ist deshalb nicht als vollständig unabhängige Bestätigung zu zählen.[12][1][13][2]

Quellenverzeichnis

[1] Muri, G., & Gyr, U. (2001). Halloween, Halloweener, Hallowinner? Halloween zwischen Brauchverwaltung und Eventkultur in der Schweiz. Zeitschrift für Volkskunde, 97(2), 260–272.

[2] Kuhn, K. J. (2010). Kürbis, Kommerz und Kult: Halloween und Kürbisfest zwischen Gegenwartsbrauch und Marketing. Schweizer Volkskunde, 100(3), 106–112. https://doi.org/10.5167/uzh-49434

[3] Kantonspolizei Zürich. (2021, 1. November). Kanton Zürich: Halloween: Bilanz der Kantonspolizei Zürich. Kanton Zürich. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2021/11/211101r_halloween_2021.html

[4] Kantonspolizei Zürich. (2023, 1. November). Kanton Zürich: Halloween: Bilanz der Kantonspolizei Zürich. Kanton Zürich. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2023/11/231101k_zuerich_halloween.html

[5] Kantonspolizei Zürich. (2024, 1. November). Kanton Zürich: Halloween: Bilanz der Kantonspolizei Zürich. Kanton Zürich. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2024/11/kanton-zuerich–halloween—bilanz-der-kantonspolizei-zuerich.html

[6] Kantonspolizei Zürich. (2025, 1. November). Kanton Zürich: Halloween: Bilanz der Kantonspolizei Zürich. Kanton Zürich. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2025/11/251101j_bilanz_halloween.html

[7] Hutton, R. (2024). The Celtic new year and feast of the dead. Folklore, 135(1), 69–86. https://doi.org/10.1080/0015587X.2023.2282282

[8] Hutton, R. (1996). The stations of the sun: A history of the ritual year in Britain. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198205708.001.0001

[9] Rogers, N. (2002). Halloween: From pagan ritual to party night. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oso/9780195146912.001.0001

[10] Dictionary of Canadianisms on Historical Principles. (2025, April). Trick or treat. In DCHP-3. University of British Columbia. https://dchp.arts.ubc.ca/entries/trick%20or%20treat

[11] National Museum of Ireland. (o. J.). Ghost turnip. Irish Folklife Collection. https://www.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Collection/Top-things-to-see-in-the-Irish-Folklife-Collection/Artefact/Ghost-turnip/b202e8ea-0728-4b3d-b0f1-82660fe45ce9

[12] züritip. (1993, 29. Oktober). Parties unterm Kürbiskopf [Veranstaltungskalender]. züritip, Nr. 44, 12.

[13] Wunderlin, D. (2002). Mit Kürbis und Kommerz: Halloween. Tracht und Brauch, 4, 6–11. https://www.trachtenvereinigung.ch/sites/default/files/2023-05/TuB_2002_4.pdf

[14] La Spirale. (1995, 4. November). Halloween, la nuit des masques. https://laspirale.ch/halloween-la-nuit-des-masque/

[15] Triponez, B. (1999, 30. Oktober). Halloween, nouveau géant orange. Le Temps.

[16] Korff, G. (2001). Halloween in Europa: Stichworte zu einer Umfrage. Zeitschrift für Volkskunde, 97(2), 177–188.

[17] Racine, A. (1999, 30. Oktober). Cette semaine, l’enfant sonne deux fois. Le Temps.

[18] Anzenberger, R. (2000). Beobachtungen zu Halloween in der Schweiz. Schweizer Volkskunde, 90, 83–84. https://doi.org/10.5169/seals-1004005

[19] Bundesamt für Landwirtschaft. (2017). Kürbis, ein Trendgemüse für die Familie [Marktbericht Früchte und Gemüse, September 2017]. https://www.blw.admin.ch/dam/blw/de/dokumente/Markt/Marktbeobachtung/Fruechte%20und%20Gemuese/Marktberichte/MBFG_2017_09_d.pdf.download.pdf/MBFG_2017_09_d.pdf

[20] Handler, R., & Linnekin, J. (1984). Tradition, genuine or spurious. The Journal of American Folklore, 97(385), 273–290. https://doi.org/10.2307/540610

[21] SWI swissinfo.ch. (2001, 31. Oktober). Halloween: A hit in Switzerland? SWI swissinfo.ch. https://www.swissinfo.ch/eng/archive-banking-fintech/halloween-a-hit-in-switzerland/2340584

[22] SWI swissinfo.ch. (2007, 31. Oktober). Halloween retailers get a shock. SWI swissinfo.ch. https://www.swissinfo.ch/eng/history/halloween-retailers-get-a-shock/6223458

[23] Marketagent Schweiz. (2025, April). Ostern in der Schweiz: Feiern, Fasten, Ferien. https://marketagent-schweiz.ch/aktuelles/presse/ostern-schweiz-2025/

[24] Glaettli, K. W. (1949). Das Räbenlicht im Zürcher Oberland. Schweizer Volkskunde, 39(5), 76–79. https://doi.org/10.5169/seals-1004660

[25] Strübin, E. (1980). Lichterumzüge von Kindern im Spätherbst: Erste Ergebnisse einer Umfrage. Schweizer Volkskunde, 70, 17–23. https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=sgv-001%3A1980%3A70%3A%3A116