Ein ganz normaler Dienstag im Jahr 2035

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Wie könnte der Alltag eines Schweizer Kindes 2035 aussehen, wenn nur Entwicklungen zählen, deren Weg heute schon erkennbar ist? Das Ergebnis ist erstaunlich wenig Science-Fiction. Spannend werden nicht die Geräte, sondern die Entscheidungen, Abhängigkeiten und Regeln um sie herum.

Dienstag, 5. Juni 2035

Luis ist neun und schon vor dem Wecker wach. Die Uhr, die er seit dem Kindergarten trägt, zeigt 6.52 Uhr. Das Tablet hat die Nacht im Wohnzimmer verbracht, wie immer. Eine Schulvorschrift ist das nicht, sondern eine Abmachung am Küchentisch, die jeden Herbst neu verhandelt wird. Die Mutter hat Frühdienst und ist schon aus dem Haus. Der Vater fragt, ob die Turnsachen im Rucksack sind.

Um Viertel vor acht geht Luis mit zwei Nachbarskindern zu Fuss los. Beim Schulhaus vibriert die Uhr kurz: angekommen. Auf dem Telefon seiner Mutter erscheint dieselbe Meldung, zwischen zwei Terminen. So ist es vereinbart. Luis fände die Uhr besser, wenn sie nur die Zeit anzeigte.

Der Morgen gehört dem Rechnen und Lesen, beides auf Papier. Frau Keller hat die Lektionen am Sonntagabend mit einem KI-Programm vorbereitet und dafür weniger Zeit gebraucht als früher. Die Kinder merken davon nichts. Am Freitag steht wie immer ein Test ohne Hilfsmittel an.

Es ist erst Juni und schon heiss. Die Pause findet im Schatten statt, der Nachmittagsunterricht fällt kürzer aus. Am Mittagstisch zahlt Luis sein Getränk mit Münzen aus dem Etui. Um fünf spielt er vierzig Minuten im Hof, ohne dass ein Erwachsener zuschaut; die Uhr bleibt in der Hosentasche. Abends zeichnet sie seine Schlafdauer auf. Die Eltern schauen nicht jeden Tag nach.

Luis ist erfunden. Wer im Juni 2035 neun Jahre alt ist, kam zwischen Juni 2025 und Juni 2026 zur Welt. Heute ist dieses Kind höchstens sechzehn Monate alt.

Die Zukunft wirkt erstaunlich vertraut

Wer diesen Dienstag auf futuristische Überraschungen absucht, findet wenig. Die Uhr meldet, die Lehrerin plant schneller, die Pause richtet sich nach der Hitze. Neu wäre vor allem die Selbstverständlichkeit. Was 2026 noch entschieden, eingerichtet und ausgehandelt werden muss, könnte 2035 im Hintergrund mitlaufen.

Auffälliger ist, was fehlt: kein Roboter in der Küche, kein Assistent, der Luis’ Tag organisiert, kein Auto, das ihn zur Schule fährt. Das ist Absicht. In die Szene kam nur, wofür es heute eine Grundtechnik und einen erkennbaren Entwicklungspfad gibt und was Lernen, Selbstständigkeit, Beziehungen, Sicherheit oder Gesundheit eines Kindes berühren könnte. Ebenso wichtig war die Gegenfrage: Was müsste ausser der Technik noch funktionieren? Was diese Schwelle nicht erreichte, blieb draussen.

Der Dienstag ist ein Basisfall, weder Wunschbild noch Warnung. Er soll nichts beweisen. Er zwingt nur zu einer besseren Frage als «Wie futuristisch wird 2035?»: Was könnte Alltag, Fähigkeiten, Beziehungen, Freiheiten und Abhängigkeiten eines Kindes tatsächlich verschieben, und was müsste dafür stimmen?

Wie nah ist dieser Dienstag?

Nicht alles in der Szene liegt gleich nah an der Gegenwart. Manches ist schon da, anderes braucht mehrere Schritte. Vier Abstufungen halten das auseinander.

Am nächsten an der Gegenwart ist Luis’ Uhr. Eine Reportage über eine Aargauer Volksschule beschreibt, dass dort die meisten Kindergartenkinder eine Tracker-Uhr tragen [1]; repräsentativ ist dieser einzelne Schulort nicht. Auch der Schulweg ist vertraut: In der Deutschschweiz werden 29 Prozent der vier- bis siebenjährigen Kinder von ihren Eltern auf dem Schulweg begleitet (2016 waren es 19 Prozent) [2]. Die meisten Kinder dieser Altersgruppe gehen trotzdem zu Fuss [3]. Handelsübliche Fitnessuhren messen die Schlafdauer bei Jugendlichen etwa so gut wie ein Forschungsgerät, Schlafphasen weniger zuverlässig [4]. Auch die Münzen und das Spielen draussen sind nicht aus der Zukunft gegriffen: 73 Prozent der Eltern hielten Bargeld in einer Befragung im Auftrag einer Bank für das geeignetste Lernmittel [5]; 2016 spielten Fünf- bis Neunjährige im Mittel 47 Minuten draussen, 29 davon ohne Aufsicht [6].

Auch bei Schule und Klima gibt es Anhaltspunkte. In einem randomisierten englischen Versuch mit 259 Lehrpersonen sank die Planungszeit mit ChatGPT um 31 Prozent. Bei einer verblindeten Bewertung einer kleinen Stichprobe von Unterrichtsmaterialien zeigte sich kein Qualitätsunterschied; Schülerleistungen wurden nicht untersucht [7]. Der Kanton Zürich setzt an der Volksschule auf Leitsätze statt auf starre Regeln [8]. Die Schweiz war 2024 im Mittel rund 2,9 Grad wärmer als in der vorindustriellen Referenzperiode 1871 bis 1900 [9]. In den USA waren heissere Schultage bei Jugendlichen mit geringerem Lernzuwachs verbunden; die Studie fand zudem Muster, die mit einem abmildernden Effekt von Klimaanlagen vereinbar sind [10].

Einen erkennbaren Entwicklungspfad gibt es damit für Messen, Melden und Vorbereiten. Ob daraus bis 2035 mehr wird, hängt weniger an einer neuen Erfindung als an Gewohnheiten, Kosten und Regeln. Das ist eine Einordnung, keine Messung.

Ein Schritt weiter liegt das Szenario, dass Prüfungen ohne KI Standard bleiben und Schulen ihre Stundenpläne an die Hitze anpassen. Dafür gibt es Voraussetzungen, aber keinen Befund für 2035. Ob sie erfüllt werden, entscheiden Schulen, Kantone und Budgets.

Spekulativ bleibt, dass ein Neunjähriger Aufgaben an einen KI-Assistenten abgibt. Deshalb kommt das in der Szene nicht vor. Die Schweizer Jugendstudie zu KI beginnt erst bei zwölf Jahren. Im Frühling 2024 hatten 71 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Erfahrung mit generativer KI, etwa ein Drittel nutzte sie wöchentlich (Selbstauskunft) [11]. Wie jüngere Kinder damit umgehen, wurde nicht gemessen.

Darum ist Luis’ Uhr Teil der Szene; ein KI-Assistent, der Aufgaben für ihn übernimmt, nicht. Der Kinderalltag 2035 könnte zunächst wie eine verdichtete Gegenwart wirken: Uhren, Schulkonten, Plattformen und Messungen sind bereits Infrastruktur. Offen ist, wie viel KI-Assistenz sich darüberlegt und wie sichtbar sie für Kinder überhaupt sein wird.

Was Technik kann und was daraus wird

Gerade bei KI liegen zwischen einer beeindruckenden Fähigkeit und einem veränderten Kinderalltag mehrere Hürden. Drei davon werden in Zukunftsdebatten leicht übersehen: Zuverlässigkeit, Verbreitung und Wirkung.

KI-Agenten lösen immer mehr Aufgaben, aber nicht jedes Mal zuverlässig. Eine Auswertung von 14 Modellen fand, dass die Genauigkeit deutlich steigt, die Zuverlässigkeit über Wiederholungen aber nur wenig (Preprint, zwei Testumgebungen) [12]. Wer einem System den Schulweg, das Taschengeld oder einen Termin überlässt, braucht Zuverlässigkeit, nicht bloss gute Durchschnittswerte. Eine einflussreiche Gegenposition argumentiert grundsätzlicher: Zwischen Methode, Anwendung und gesellschaftlicher Übernahme lägen jeweils eigene Hürden, deshalb entfalte sich die Wirkung langsam [13]. Der Beitrag liefert dafür ein Argument, keine Messung.

Auch spektakuläre Vorführungen sagen wenig darüber, was im Haushalt ankommt. Weltweit wurden 2025 rund 7000 vollgrosse humanoide Roboter verkauft. Laut International Federation of Robotics sind sie für kommerzielle und professionelle Anwendungen ausserhalb von Forschung und Unterhaltung gedacht; viele heutige Anwendungen bleiben spezialisiert und benötigen teils Fernsteuerung [14]. Als Haushaltsgerät ist das weit weg. In Luis’ Küche steht deshalb keiner.

Und selbst dieselbe Technik kann zwei Ergebnisse haben. In einem Feldexperiment mit rund 1000 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in der Türkei übten jene mit freiem Chatbot-Zugang besser (+48 Prozent). In der Prüfung ohne KI schnitten sie 17 Prozent schlechter ab. Wer mit einem Tutor übte, der Hinweise statt Lösungen gab, lag danach auf dem Niveau der Kontrollgruppe [15]. Das war eine Schule, ein Fach und ein Modell von 2023, also ein Einzelbefund. Er zeigt aber die Logik: Entschieden hat nicht nur, ob KI dabei war, sondern wie sie eingebettet war.

Für Luis’ Alltag dürfte deshalb weniger die spektakulärste Fähigkeit einer Maschine zählen als die Aufgabe, die Erwachsene und Institutionen ihr tatsächlich überlassen. Das ist eine begründete Einschätzung, keine Prognose.

Was aus Technik erst Alltag macht

Stellen wir uns nun etwas vor, das in Luis’ Dienstag bewusst fehlt: einen KI-Assistenten, der Termine, Einkäufe, Kontakte und Lernwege organisiert. Dafür braucht es zunächst Rechenleistung und Strom. Die Versorgung ist in der Schweiz sehr zuverlässig: 2024 dauerte ein Unterbruch im Schnitt 21 Minuten pro Endverbraucher [16]. Auch der Netzanschluss ist eine Abhängigkeit. Für Mobilfunk hat der Bundesrat die Regeln inzwischen verschärft: Ab 2031 müssen Notrufe bei Stromausfällen vier Stunden funktionieren; für Telefonie, Internet und weitere Mobilfunkdienste gilt die Vier-Stunden-Vorgabe ab 2034 [17].

Der Assistent braucht eine Identität. Die Einführung der E-ID ist seit Juni 2026 ohne neues Datum verschoben. Das Bundesamt für Justiz begründet das mit zusätzlichen Sicherheits- und Datenschutzmassnahmen, unter anderem gegen Deepfakes und eingeschleuste Schadsoftware; die Vertrauensinfrastruktur soll unabhängig davon voraussichtlich im ersten Halbjahr 2027 starten [18]. Er braucht Regeln für Daten und Berechtigungen. Die Schweiz hat kein übergreifendes spezifisches KI-Gesetz. Die zuständigen Departemente wollen im Frühjahr 2027 eine Vernehmlassungsvorlage ausarbeiten [19]. Beim Plattformgesetz läuft die Auswertung der Vernehmlassung. Der Bundesrat erklärt inzwischen, der Kinder- und Jugendschutz werde Teil der Vorlage; wie die definitive Regelung aussieht, ist offen [20]. Dazu kommt ein Geschäftsmodell: In einer US-Untersuchung enthielten vier von fünf häufig genutzten Apps für Drei- bis Fünfjährige manipulatives Design [21]. Und es braucht Eltern, die dem Assistenten vertrauen, Schulen, die ihn zulassen, und Kinder, die ihn benutzen wollen.

Keine dieser Bedingungen verlangt zwingend einen technischen Durchbruch. Schwieriger ist, dass sie gleichzeitig erfüllt sein müssten. Dort entscheidet sich, ob aus technischer Möglichkeit Alltag wird.

Was für Kinder auf dem Spiel steht

Die Fragen reichen vom Lernen bis zum Stromnetz. Für den Alltag eines Kindes verdichten sie sich zu einigen wenigen Konflikten.

Was ein Kind selbst können muss

Zum Feldexperiment aus der Türkei [15] gibt es einen Gegenbefund. Der Taschenrechner hat die Rechenfähigkeiten laut einer Meta-Analyse nicht geschwächt, solange er in Unterricht und Prüfung eingebaut war. Die Studien sind älter, und ein Taschenrechner ist keine generative KI [22]. Bei Erwachsenen schnitten Mensch-KI-Kombinationen in einer präregistrierten Meta-Analyse von 106 Experimenten im Mittel schlechter ab als der jeweils bessere Einzelpartner, aber besser als Menschen allein. Ob die Kombination half, hing unter anderem von der Aufgabe und davon ab, ob Mensch oder KI allein stärker war [23].

Der Test ohne Hilfsmittel am Freitag markiert deshalb eine offene Frage: Was soll ein Kind selbst beherrschen, wenn Systeme immer mehr übernehmen? Sich steuern, in einem Gebiet wirklich Bescheid wissen, Herkunft prüfen und einschätzen, wann man Hilfe braucht und wann nicht; solche Fähigkeiten könnten an Gewicht gewinnen. Das ist kein Messbefund, sondern ein Arbeitsmodell aus Studien und Wertentscheiden. Welche Fähigkeiten 2035 tatsächlich zählen, bleibt offen.

Woher ein Bild stammt

In einem Experiment erkannten Erwachsene KI-erzeugte Gesichter nur in 48,2 Prozent der Fälle, also auf dem Niveau eines Münzwurfs. Die künstlichen Gesichter hielten sie für vertrauenswürdiger. Die Bilder stammen allerdings aus dem Stand von 2021 [24]. Kinder zwischen sechs und zehn Jahren lagen in einer kleinen Studie mit 37 Kindern bei der Unterscheidung menschlich erstellter und KI-generierter Inhalte im Mittel auf oder unter dem Zufallsniveau [25]. Digitale Herkunftsetiketten für Bilder gehen laut einem Fachbeitrag beim Hochladen auf vielen Plattformen verloren [26].

Damit ist eine Verschiebung plausibel, aber nicht belegt: Künftig könnte weniger entscheidend sein, ob etwas echt aussieht, als ob sich seine Herkunft belegen lässt. Ob Herkunftsprüfung für Kinder die bessere Routine ist, wurde nicht untersucht. Die Schweiz will 2029 bei PISA erstmals auch Medien- und KI-Kompetenz Fünfzehnjähriger testen lassen (Beschluss der EDK, vorbehaltlich des Bundes) [27].

Dieselbe Woche, ein anderes Kind, ebenfalls erfunden: Im Klassenchat einer Fünfzehnjährigen kursiert das Bild einer Mitschülerin. Die Lehrerin fragt nicht, ob es echt ist. Sie fragt, woher es stammt.

Wer will was von Luis’ Uhr?

Im Vibrieren am Schulhaus laufen drei Interessen zusammen, die nicht dasselbe wollen müssen. Die Mutter will wissen, dass er angekommen ist. Luis will Ruhe. Und der Hersteller? Dass Anbieter und Familien auseinanderliegen können, zeigt ein US-Fall: Amazon zahlte 2023 25 Millionen Dollar, weil Aufnahmen von Kindern unter 13 standardmässig unbefristet gespeichert wurden [28]. Eine Übertragung auf die Schweiz ist nicht belegt. Offen bleibt auch, was hier gelten wird. Beim Plattformgesetz ist der Jugendschutz noch nicht definitiv geregelt. Der Bundesrat will ihn in die Vorlage aufnehmen; wie genau, ist offen [20].

Die Fürsorge der Eltern ist dabei nicht der Gegner. Eine qualitative Studie mit 21 Eltern und 8 Kindern in München beschreibt Ortung als moralische Reibung zwischen Fürsorge und Kontrolle. Die Kinder ortete ihrerseits Freunde und Eltern [29]. Ob Ortung Kinder sicherer macht, ist nach einer Übersichtsarbeit kaum untersucht [30]. Eltern erfahren mehr, wenn Jugendliche erzählen, als wenn sie kontrollieren. Das fand eine schwedische Studie von 2000, lange vor dem Smartphone [31].

Wer zuhört

Wenn Jugendliche Probleme haben, wenden sie sich heute vor allem an Menschen. In einer Schweizer Online-Befragung mit 960 14- bis 25-Jährigen nannten 81,3 Prozent die Eltern und 75,9 Prozent Freundinnen und Freunde. 10,8 Prozent nannten einen KI-Chatbot, nur ihn allein 0,4 Prozent (Selbstauskunft, Querschnitt) [32]. Wahrgenommene soziale Unterstützung hängt in einer Meta-Analyse mit weniger Depression bei Kindern und Jugendlichen zusammen; das ist ein Zusammenhang, kein Beweis der Ursache, und für diese Einschätzung lag nur die Zusammenfassung vor [33]. Ob KI-Begleiter bei Kindern Freundschaften ersetzen oder ergänzen, hat bisher niemand untersucht.

Der erste Beruf

Luis ist 2035 erst neun. Die Arbeitswelt, in die er später eintritt, gehört trotzdem zur gleichen Zukunftsfrage. Rund zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen wählen eine berufliche Grundbildung [34]. Der Lehrstellenmarkt gilt 2026 als stabil, mit rund 76 000 Verträgen [35]. Betriebe suchen laut einer Auswertung von Stelleninseraten zunehmend überfachliche Fähigkeiten wie Teamarbeit und Selbstständigkeit [36]. Die ILO schätzt, dass weltweit etwa ein Viertel der Beschäftigung in Berufen liegt, die potenziell von generativer KI betroffen sind; 3,3 Prozent entfallen auf die höchste Expositionsstufe [37]. Betroffen heisst aber nicht, dass sich etwas ändert. Ob der Berufseinstieg schwieriger wird, wissen wir nicht.

Hitze und Strom

Zu Luis’ Tag gehören auch Hitze und Strom, ohne dass KI dafür nötig wäre [9] [10] [16]. Zukunft zeigt sich nicht nur dort, wo neue Geräte auftauchen, sondern auch dort, wo vertraute Systeme unter anderen Bedingungen funktionieren müssen.

Was ein Kind trotzdem braucht

Kinder brauchen weiterhin Menschen, die ihnen zuhören [32] [33]. Riskantes Spiel im Freien, bei dem auch ein Verirren möglich ist, war in einer systematischen Übersichtsarbeit bei Kindern von 3 bis 12 Jahren überwiegend mit mehr körperlicher Aktivität und günstigeren sozialen Ergebnissen verbunden. Die Evidenz reichte je nach Ergebnis nur von sehr niedrig bis moderat; nur eine der eingeschlossenen Studien war randomisiert [38]. Unterstützung der Selbstständigkeit durch die Eltern hängt in einer Meta-Analyse von 36 Studien mit Leistung, Motivation und psychischer Gesundheit zusammen (korrelativ) [39]. Auch der KI-Befund aus dem türkischen Feldexperiment passt in dieses Bild: Entscheidend war, ob das System Lösungen lieferte oder nur Hinweise gab [15].

Daraus folgt kein zeitloses «Wesen des Kindes». Vieles in der Entwicklungsforschung beruht auf Zusammenhängen, nicht auf unveränderlichen Gesetzen. Trotzdem erklärt dieser Forschungsstand, warum Luis’ Dienstag trotz aller Technik so vertraut wirkt.

Und wenn 2035 viel gewöhnlicher aussieht?

Vielleicht sieht 2035 im Alltag weit weniger futuristisch aus, als Zukunftsbilder heute nahelegen. Kosten, Regulierung, Infrastruktur, Gewohnheiten, Zuverlässigkeit und fehlender Mehrwert können Verbreitung bremsen. Diese Möglichkeit hat unsere Auswahl verändert: Humanoide Roboter, autonome Fahrzeuge, virtuelle Realität und Neurotechnologie fehlen in Luis’ Dienstag, weil sie unsere Schwelle für eine Alltagsszene nicht erreichten.

Auch die Gegenthese zur Gegenthese hat Daten. METR aktualisiert die sogenannten Task-Completion-Time-Horizons inzwischen laufend. Die zugrunde liegende Zeitreihe zeigte für den 50-Prozent-Horizont seit 2019 einen historischen Verdopplungstrend von ungefähr sieben Monaten. Die aktuelle Messseite weist zugleich darauf hin, dass Werte über 16 Stunden mit der derzeitigen Task-Suite unzuverlässig sind; die Aufgaben stammen vor allem aus Softwareentwicklung, Machine Learning und Cybersicherheit, nicht aus dem Kinderalltag [40]. Ein vorsichtiger Basisfall kann solche Sprünge unterschätzen. Darum halten wir fest, wo er brechen würde: bei Agenten, die über viele Wiederholungen verlässlich werden, und bei Eltern, die ihnen dann tatsächlich Aufgaben ihrer Kinder überlassen.

Die Schweiz wird nicht überall gleich aussehen

Schon innerhalb der Schweiz könnte Luis’ Dienstag unterschiedlich aussehen. Die Kantone regeln Handys an Schulen verschieden. Aargau und Nidwalden kennen Verbote auf dem Schulareal; im Wallis gilt ein generelles Smartphone-Verbot an Schulen, die Waadt kennt seit 2018 ein Verbot. Solothurn, Luzern und Schwyz haben kein kantonales Verbot. Im Kanton Freiburg nahm der Grosse Rat am 18. Dezember 2025 eine Motion für ein Verbot auf dem Schulgelände an; die gesetzliche Umsetzung blieb danach auszuarbeiten [41]. Zürich setzt für KI an der Volksschule auf Leitsätze mit Deklarationspflicht und regelt die Primarschule erst ab der 5. und 6. Klasse [8]. Die Berufsbildung federt den Übergang ab [34] [35].

Stadt und Land unterscheiden sich. In der Elternbefragung des VCS fahren in der Stadt 14 Prozent der Eltern ihr Kind täglich mit dem Auto, auf dem Land 5 Prozent [2]. Die Begleitzahlen gelten für die Deutschschweiz, und die Erhebung zur Freiraumzeit weist für die Romandie abweichende Werte aus [6]. Die Stromversorgung ist stabil [16]; für Mobilfunk schreibt der Bund ab 2031 vier Stunden Notrufbetrieb und ab 2034 vier Stunden für die übrigen Dienste vor [17]. Ob das für längere oder wiederholte Ausfälle reicht, ist eine andere Frage.

Eine weitere Grenze ist die Herkunft der Wirkungsevidenz. Mehrere zentrale Befunde stammen aus den USA, England, der Türkei oder anderen Ländern. Schweizerisch sind in diesem Text deshalb oft die Systeme, Regeln und Infrastrukturen; die Aussagen über Wirkungen beruhen nicht immer auf Schweizer Daten.

Die wichtigste Stimme fehlt

Ausgerechnet Luis selbst bleibt in diesem Text erfunden. Für diesen Text wurde kein neunjähriges Kind befragt. Mehrere zentrale Studien untersuchen Erwachsene oder ältere Jugendliche, nicht Kinder in seinem Alter. Der Dienstag 2035 ist deshalb auch eine Welt, die Erwachsene mit Daten über Kinder entwerfen. Diese Lücke lässt sich nicht wegformulieren.

Der Massstab für diese Serie

2035 könnte zunächst wie eine verdichtete Gegenwart wirken. Für den Alltag zählt weniger die spektakulärste Fähigkeit einer Maschine als die Aufgabe, die wir ihr tatsächlich überlassen. Und je mehr wir delegieren, desto dringlicher wird für Eltern und Schulen die Frage, was ein Kind selbst können soll. Das sind begründete Einschätzungen, keine Prognosen.

Für die folgenden Stücke gilt deshalb ein strenger Massstab: Beobachtung, erkennbarer Entwicklungspfad, Plausibilität bis 2035 und Spekulation werden auseinandergehalten. Fähigkeit, Verbreitung und Wirkung sind verschiedene Dinge. Und bei jedem Befund zählt, wer untersucht wurde und wo: Kinder oder Erwachsene, Schweiz oder Ausland. Das Wort «wird» verdient stärkere Belege als «könnte».

Zurück zur Uhr

Die Uhr in Luis’ Hosentasche ist das genaueste Bild dieses Tages. Sie kann melden und messen. Was sie für Luis bedeutet, hängt aber an einer Abmachung am Küchentisch. Dasselbe gilt für den Tablet-Vertrag, den Test ohne Hilfsmittel und die Pause im Schatten: Die Technik setzt Möglichkeiten; Alltag entsteht aus Entscheidungen darüber. Über Kindheit im Jahr 2035 nachzudenken heisst deshalb, genauer hinzusehen. Wer richtet etwas ein? Wer darf darüber bestimmen? Was soll ein Kind selbst können? Und wer merkt es, wenn ein System ausfällt?

Was die Forschung trägt

Was offen bleibt

  • Wie Kinder unter zwölf in der Schweiz mit generativer KI umgehen. Die Jugendstudie beginnt bei zwölf [11].
  • Ob die Wirkung von KI beim Üben für die Primarstufe gilt. Der tragende Befund stammt von Gymnasiasten [15].
  • Ob «Herkunft prüfen» für Kinder die bessere Routine ist als «Fälschung erkennen». Belegt ist nur, dass die Erkennung in den hier zitierten Erwachsenen- und Kinder-Settings fehleranfällig war [24] [25]; daraus folgt keine universelle Trefferquote für alle Deepfakes.
  • Ob Ortung die Sicherheit von Kindern erhöht und was sie für Selbstständigkeit und Vertrauen bedeutet [30].
  • Wie ein Ausfall von Strom und Netz Kinder trifft.
  • Ob die erste Stelle nach der Lehre oder Schule in KI-exponierten Berufen schwieriger wird.
  • Ob die Aufsicht von Menschen über KI ausreicht, wo das Szenario sie voraussetzt.
  • Was Kinder und Jugendliche selbst über all das denken. Wir haben niemanden befragt.

Quellen

[1] Schweizer Radio und Fernsehen. (2025). Handyverbot in Volksschule: Schülerinnen und Schüler loben neue handyfreie Zone im Aargau.

[2] VCS Verkehrs-Club der Schweiz & Fonds für Verkehrssicherheit. (2026). Executive Summary Schulwegstudie 2026.

[3] VCS Verkehrs-Club der Schweiz & Fonds für Verkehrssicherheit. (2026, September). Repräsentative Befragung der Eltern zum Mobilitätsverhalten der Schulkinder in der Schweiz.

[4] Lee, X. K., Chee, N. I. Y. N., Ong, J. L., Teo, T. B., van Rijn, E., Lo, J. C., & Chee, M. W. L. (2019). Validation of a consumer sleep wearable device with actigraphy and polysomnography in adolescents across sleep opportunity manipulations. Journal of Clinical Sleep Medicine, 15(9), 1337–1346.

[5] Sotomo. (2025, Mai). Kinder, Geld und der Weg zur Selbstständigkeit: Die Schweizer Sackgeld-Studie von PostFinance.

[6] Höfflin, P., & Blinkert, B. (2016). Freiraum für Kinder: Ergebnisse einer Umfrage im Rahmen der Freiraumkampagne der Stiftung Pro Juventute. Pro Juventute.

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[8] Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (o. J.; abgerufen am 5. Oktober 2026). Künstliche Intelligenz in der Volksschule: Leitsätze zu KI in der Schule.

[9] MeteoSchweiz & ETH Zürich. (2025). Klima CH2025: Vertiefung der Hauptaussagen.

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[17] Bundesamt für Kommunikation BAKOM. (2026, 14. Januar). Für sichere Notrufe: Mobilfunkbetreiber müssen Notstrom ab 2031 sicherstellen.

[18] Bundesamt für Justiz BJ. (2026, 30. Juni). Neuer Zeitplan für die Einführung der E-ID und der Vertrauensinfrastruktur.

[19] KMU-Portal des Bundes. (2026, 23. September). Bis Anfang 2027 soll ein Vorentwurf zur KI-Regulierung ausgearbeitet werden.

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[35] Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI. (2026, 17. September). Lehrstellenmarkt 2026: stabil und vielfältig.

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[41] Staat Freiburg, Parlinfo. (2025, 18. Dezember; Status geprüft 5. Oktober 2026). Motion 2025-GC-150: Für ein Verbot der Nutzung von Mobiltelefonen und anderen elektronischen Geräten durch die Schülerinnen und Schüler auf dem Schulgelände. Status: angenommen.

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